Worte einer Kerze
Ihr habt mich angezündet
und schaut
- nachdenklich oder versonnen -
in mein Licht.
Ich freue mich, dass ich brennen darf.
Wenn ich nicht brennen würde,
läge ich in einen Karton
mit anderen, die auch nicht brennen.
So hätten wir überhaupt keinen Sinn.
Seit ich brenne spüre ich,
dass ich langsam kürzer werde.
Und ich weiß auch:
je länger ich brennen werde,
umso mehr werde ich mich verzehren,
bis ich „aufgebraucht“ sein werde.
Aber so ist das,
es gibt nur zwei Möglichkeiten:
entweder ich bleibe ganz und unversehrt,
dann geht mir nichts ab,
oder ich brenne, gebe Licht und Wärme,
dann weiß ich wofür ich da bin.
Ich muss dabei aber etwas von mir geben:
von mir selbst - mich selber.
So ist das auch bei euch Menschen.
Entweder ihr bleibt euch,
dann geschieht euch nichts,
dann geht euch nichts ab.
Aber ihr seid dann
wie die Kerzen im Karton.
Oder: ihr gebt Licht und Wärme
- dann habt ihr einen Sinn.
Dann freuen sich die anderen Menschen,
dass es euch gibt.
Dann seid ihr nicht umsonst da.
Aber: dafür müsst ihr etwas von euch geben.
Von euch selber, von allem,
was in euch lebendig ist:
von eurer Liebe und Treue,
eurem Lachen und eurer Traurigkeit,
von allem, was in euch ist.
Denkt ruhig daran,
wenn ihr eine brennende Kerze seht,
denn eine solche Kerze seid ihr selber.
Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft,
denn in ihr gedenke ich zu leben.
(Albert Schweitzer)