Immer noch?
Zwei Mönche wurden von ihrem Abt in ein benachbartes Kloster geschickt, um eine Nachricht zu überbringen. Schweigend und betend verbrachten sie viele Stunden ihres Weges. Plötzlich hörten sie – ihr Weg führte an einem Fluss entlang – eine Frauenstimme vom anderen Ufer. „Bitte helft mir, über den Fluss zu kommen. Ich möchte meine Mutter noch einmal sehen, die im Sterben liegt!“ Während der eine Mönch schweigend weiterging, entledigte sich der andere seines Gewandes, schwamm durch den Fluss und holte die Frau an das diesseitige Ufer. Diese bedankte sich herzlich und eilte ihrer Wege. Nachdem der Mönch sein Habit wieder angelegt hatte, ging er seinem Mitbruder nach, der ihm ein gehöriges Stück Weges voraus war. As er ihn eingeholt hatte, gingen sie beide in gewohnter Weise schweigend weiter. Nach einiger Zeit begann jedoch der Mönch, der unbekümmert seinen Weg fortgesetzt hatte, seinem Mitbruder heftige Vorwürfe zu machen: „Die Sünde, die du begangen hast, ist abgrundtief. Dabei kennst du unsere Regel, dass wir nicht einmal eine Frau länger anschauen dürfen. Und was hast du noch zusätzlich getan? Du hast dich entkleidet, sie berührt…!“ Ununterbrochen setzte er seine Anschuldigungen mit anschaulichen Bildern fort. Und selbst, als er zu reden aufgehört hatte, schien es, als ob er weiterredete. Nach einer längeren Pause sagte schließlich der Mönch, der die Frau ans andere Ufer gebracht hatte, ruhig und gelassen zum Mitbruder: „Trägst du sie immer noch?“
(Peter Dyckhoff)